Auszug aus
Bauern als Retter
Marga Spiegel
Weg ins Ungewisse
Mein Mann war schon morgens gegen 5.30 Uhr von uns gegangen. Wir standen beide vor unserem Kind, das noch fest und ahnungslos schlief. Waswürde die Zukunft bringen? Würden wir uns jemals wiedersehen?
So trat mein Mann seinen Weg an, den Weg ins Ungewisse, aber innerlich gefestigt durch die Gewißheit, zu Menschen zu kommen, und mit der Hoffnung im Herzen, daß uns dieser Weg von Gott vorgeschrieben sei.
Ich legte mich noch einmal nieder, um das Kind nicht zu wecken, und überdachte alles. Wie schwer ich es meinem Mann doch bis jetzt gemacht hatte, den von ihm gefassten Plan auszuführen! Ich hatte mich fest entschlossen gezeigt, den Weg mit allen den Unseren zu Ende zu gehen. Ich wollte keine Ausnahme sein. Und welche Mühe hatte mein Mann, mich davon zu überzeugen, dass Gott auch einige dazu ausersehen haben könnte, das Furchtbare zu überleben!
Ich wollte nicht untertauchen, weil mir schon das Vorhaben aussichtslos schien. Nur ein paar Kilometer von Ahlen entfernt sollte ich leben, mich frei bewegen! Mein Mann wollte sich ganz verbergen, für keinen sichtbar sein – aber ich? Ich hatte doch ein kleines Kind! Ein Kind kann man nicht jahrelang versteckt halten, ohne dass es sich bemerkbar macht. Ich war noch mehr als mein Mann der Gefahr ausgesetzt, erkannt zu werden, ohne es zu wissen. Denn in einer kleinen Stadt wie Ahlen kannte jeder meinen Mann und auch mich als seine Frau. Aber ich, die nur eineinhalb Jahre dort gelebt hatte, ich kannte nur sehr wenige dort.
Das alles überdachte ich nochmals. Ich stellte mir vor, wie mein Mann unermüdlich unser Töchterchen Karin „geschult“ hatte, seitdem sein Vorhaben feststand. Er hatte ihr ein Märchen erzählt, wie man es Kindern erzählen kann, die ihren Eltern glauben und vertrauen. Er sagte ihr jeden Tag und immer wieder, dass er Soldat werden müsse, Mutter und sie aber zu einem Bauern gingen; dort würden keine Bomben fallen, und wir würden besseres Essen haben. Er sagte ihr eindringlich, dass das nur ginge, wenn sie einen neuen Namen habe. Sie müsse dann Karin Krone heißen und nichts anderes sagen.
Er spielte immer wieder mit ihr dieses „Ausfragen“: „Wie heißt Du denn, Kleine?“ Sie antwortete stets: „Karin“. – „Und wie heißt Du weiter?“ fragte mein Mann. „Krone“, war ihre prompte Antwort.
Das hörte ich tausendmal. Würde sie es auch sagen, wenn sie ein anderer fragte?
Das alles schwirrte mir im Kopf herum am Morgen unserer Flucht. Ich nahm mein Kind an die Hand, in der anderen hatte ich einen Karton. Karin trug ein Püppchen.
Auf dem Weg zum Bahnhof sah ich viele der Unseren, die sicherlich glaubten, dass wir uns auch „stellen“ wollten. Niemand wusste von unserem Vorhaben. Nicht einmal seinem Bruder sagte mein Mann, wohin wir gingen. Er hatte nicht den Mut dazu. Wir hatten durchblicken lassen, eventuell in die Schweiz zu flüchten. Es durfte niemand unseren wahren Plan kennen. Man hätte ihn vor der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ausfragen, foltern und bedrohen können, und er würde uns vielleicht dann doch noch verraten haben.
Klopfenden Herzens löste ich eine Fahrkarte nach Capelle, der nächsten Bahnstation nach Herbern.
Schon am Fahrkartenschalter meinte ich, alle Leute würden mich beobachten, kam aber unbehelligt durch die Sperre und in den Zug.
Die Fahrkarte gab ich am Ziel nicht ab, ich behielt sie als Talisman. Meinen Stern trennte ich im Zug ab, warf ihn aber nicht weg, sondern versteckte ihn.
Er wäre mir bald schon beinah zum Verhängnis geworden…