Chronologie: "Was damals geschah"

November 1767:
In Enniger, einem Dorf in der Nähe der westfälischen Stadt Ahlen, wird Simon Moyses geboren. Vor dem 29. 10. 1823 nimmt er den Namen Spiegel an.

3. Januar 1846:
Als Enkel des Simon Moyses/Spiegel wird in Enniger Simon Spiegel geboren.

22. April 1873:
Nach dem Mord an einer jungen Frau kommt in Enniger das Gerücht eines jüdischen Ritualmords auf. Im Ort beginnt eine Judenverfolgung, die in den kommenden Jahren den Abzug aller Juden aus dem Dorf zur Folge hat. Simon Spiegel flieht ins benachbarte Ahlen, wo er am 13. April 1922 stirbt.

18. Mai 1899:
Als jüngstes von sechs Kindern Simon Spiegels wird in Ahlen Siegmund Spiegel geboren. Er arbeitet später in Ahlen als Pferdehändler.

8. Januar 1937:
Siegmund Spiegel heiratet Marga Rothschild aus Oberaula/Hessen (geb. 21. Juni 1912), Tochter des Kaufmanns Siegmund Rothschild aus Oberaula.

14. Januar 1938:
Als erstes von zwei Kindern Marga und Siegmund Spiegels wird die Tochter Karin in Ahlen geboren.

13. Juli 1938:
Siegmund Rothschild, der Vater Marga Spiegels, wird im KZ Oranienburg ermordet. Seine zweite Tochter Inge Johanna (geb. 23. 1. 1923), die einzige Schwester Marga Spiegels und verheiratet mit Leo Spiegel aus Ahlen, wird später im KZ Auschwitz ermordet, Zeitpunkt unbekannt.

9. November 1938:
Unter den Ausschreitungen während der Reichspogromnacht hat auch die Familie Spiegel in Ahlen schwer zu leiden. Am 21. September 1946 sagt Siegmund Spiegel in Ahlen vor Gericht gegen die Täter aus. Am 23. Februar 1950 stellt das OLG Hamm fest, das der Ahlener Georg Schimschak, einer der Haupttäter, gemäß § 2 Abs II Satz 1 des Straffreiheitsgesetzes vom 31. 12. 1949 zu amnestieren sei. Das ist der Schlusspunkt eines langen Rechtsstreits um die juristische Beurteilung der Ahlener „Pogromnachttäter“. Die Akten werfen ein bezeichnendes Licht auf die Justiz der Zeit zwischen 1946 und 1950.

1939:
Im Jahr nach der Reichspogromnacht werden alle Juden aus Ahlen vertrieben. Die Stadt erklärt sich als erste Stadt des Reiches für „judenrein“. 11 Ahlener Juden werden Essen, 16 Dortmund zugeteilt, unter letzteren auch Siegmund, Marga und Karin Spiegel.

27. Oktober 1941:
Marga Spiegels einzige Schwester Johanna wird ins KZ Lietzmannstadt deportiert. Ihre Deportation wird in Auschwitz mit ihrer Ermordung enden. Einen Tag vor dem Abtransport aus Essen besucht Johanna ihre Schwester in Dortmund. Bei Siegmund Spiegel lässt dieser letzte Besuch seiner Schwägerin endgültig den Entschluss reifen, sich und seine Familie der Deportation zu entziehen. Er ahnt, was dort „im Osten“ geschieht.

1942:
Siegmund Spiegel leistet Zwangsarbeit bei der Dortmunder Firma Sommer, einem kleinen Entrostungsbetrieb, der Zechentürme säubert. Sommer versucht, jüdischen Zwangsarbeitern zu helfen, indem er sie immer wieder als unabkömmlich anfordert. Siegmund Spiegel nutzt seine guten Beziehungen zu Bauern als ehemaliger Pferdehändler. Per Fahrrad besorgt er auf Höfen in Herbern, Nordkirchen und Werne Lebensmittel für die Sommers und die eigene Familie.

27. Februar 1943:
Sommers Hinhaltetaktik scheitert schließlich. Seine jüdischen Zwangsarbeiter werden zur Deportation aufgerufen. Am Abend erzählt Siegmund Spiegel Sommer, dass er mit Frau und Kind in die Schweiz fliehen will. Ihr Untertauchen bei Bauern in Herbern, Nordkirchen und Werne ist jedoch bereits eingefädelt.

1945:
Nach dem Krieg kehrt die Familie Spiegel von den Höfen der Bauern nach Ahlen zurück. Siegmund Spiegel arbeitet wieder als Pferdehändler.

28. Mai 1946:
Als zweites Kind Marga und Siegmund Spiegels wird in Ahlen der Sohn Daniel geboren.

26. April 1949:
Karin Spiegel wird am Ahlener Gymnasium St. Michael eingeschult.

3. Juli 1960:
Erstmals melden sch Bauern, die die Familie Spiegel auf ihren Höfen versteckten, öffentlich zu Wort. In der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ des Bistums Münster erscheint ein entsprechendes Interview. Kurz vorher ist Adolf Eichmann nach Israel entführt worden. Der zu erwartende Prozess lässt die Vergangenheit auch in der Presse wieder aufleben. Bereits Weihnachten 1959 ist es an der neu erbauten Kölner Synagoge zu antisemitischen Schmierereien gekommen. „Durch den Fall Eichmann und durch die böse Sache an der Kölner Synagoge“, so Bauer Heinrich Silkenbömer (Nordkirchen) im Interview der Münsteraner Kirchenzeitung, „ist meine Sache wieder ein bisschen aktuell geworden.“ Auf seinem Hof hatte Siegmund Spiegel seit Herbst 1943 über ein Jahr Unterschlupf gefunden.

10. Januar 1965:
Im Münsteraner Bistumsblatt „Kirche und Leben“ beginnt die Veröffentlichung einer 17-teiligen Serie „Es geschah bei uns im Münsterland. Der Leidensweg einer jüdischen Familie 1943 – 1945. Tatsachenbericht von Marga Spiegel.“ In Buchform erscheint der leicht veränderte Text 1969 unter dem Titel „Retter in der Nacht. Wie eine jüdische Familie überlebte.“

17. Oktober 1966:
„Der Spiegel“ berichtet über antisemitische Attacken gegen die Spiegels in Ahlen und über deren Rettung durch westfälische Bauern in der NS-Zeit.

20. Juli 1969:
Die fünf Retterfamilien Aschoff (Herbern), Pentrop (Nordkirchen), Sickmann (Werne), Silkenbömer (Nordkirchen) und Südfeld (Südkirchen) werden von der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in das Gedächtnis der „Edlen aller Völker“ aufgenommen.